Themenschwerpunkt

Josef Mengele
SS-Arzt in Auschwitz


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Biographie Josef Mengele, Teil 2


"Arzt" in Auschwitz (1943-1945)

Ende Mai erkrankte der Lagerarzt des Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau, Benno Adolph, an Scharlach und es war absehbar, daß er für längere Zeit dienstunfähig bleiben würde. Vermutlich griff man deshalb auf den bei der Ersatzeinheit in Berlin zur Verfügung stehenden, gut qualifizierten und mittlerweile zum SS-Hauptsturmführer beförderten Josef Mengele zurück. Ob Mengele sich - wie oft behauptet - freiwillig nach Auschwitz gemeldet hat, wird nicht mehr abschließend zu klären sein, kann aber auf Grund der Umstände zumindest nicht vorausgesetzt werden.


Am 30. Mai 1943 trat Josef Mengele seinen Dienst in Auschwitz-Birkenau an. Während seiner Zeit im Lager war er nicht der Arzt von Auschwitz - er war einer unter Dutzenden. Ranghöchster Arzt des Auschwitzer Lagerkomplexes war als SS-Standortarzt seit dem 1. September 1942 der SS-Hauptsturmführer Eduard Wirths. Nach seiner Ankunft war Mengele Leitender Lagerarzt für das Zigeunerlager (Lagerabschnitt BIIe), war also zunächst auch nicht der leitende Arzt von Auschwitz-Birkenau; dies änderte sich erst, als er nach der Liquidation des Zigeunerlagers die Leitung des Häftlingskrankenbaulagers BIIf übernahm.


Das Aufgabengebiet, das Mengele als Lagerarzt in Auschwitz erwartete, hatte mit der von einem Arzt eigentlich zu erwartenden Tätigkeit wenig zu tun. Formell waren die Lagerärzte zwar für die medizinische Betreuung der Häftlinge und für Lagerhygiene und Seuchenfragen zuständig, tatsächlich waren sie jedoch vor allem in den Vernichtungsprozeß eingebunden, der letztlich der Hauptzweck von Auschwitz war. Sie beaufsichtigten die Vergasungen, Hinrichtungen und Prügelstrafen, führten Selektionen an der Rampe und im Lager durch, töteten durch Phenolinjektionen ins Herz (das sogenannte "Abspritzen" der Häftlinge) und stellten falsche Totenscheine aus - teils noch zu Lebzeiten des Opfers. Der Zweck des Häftlingskrankenbaus (im Lagerjargon auch "Revier" genannt) war in Auschwitz ein doppelter: Einerseits sollten solche Häftlinge, die nur an leichtesten Erkrankungen litten, schnellstmöglich wiederhergestellt werden, um ihre Arbeitskraft zu erhalten; andererseits sollten Kranke oder Verletzte, deren Genesung längere Zeit in Anspruch nehmen würde oder die gar ein Ansteckungsrisiko bedeuteten, ausgesondert und getötet werden.


Selektionen und Menschenversuche

Aufgaben, die ihm als Lagerarzt zufielen, erledigte Mengele ohne erkennbare Skrupel und mit großer Pedanterie. Dies galt etwa für die Selektionen, die die Ärzte sowohl an der Rampe als auch immer wieder im Lager selbst durchzuführen hatten. Mengele ließ die Häftlinge mal an sich vorbeimarschieren, mal ging der SS-Arzt selbst durch die Reihen und entschied dann nach einem kurzen Blick über das weitere Schicksal Häftlinge. Dies geschah entweder durch eine lässige Handbewegung, durch einen Schlag mit einem Stock, einen nach links oder rechts gestreckten Daumen oder schlicht durch die Worte "rechts" oder "links", wobei rechts das vorläufige Überleben (die Lebenserwartung betrug im Lager durchschnittlich etwa drei Monate), links den sofortigen Tod bedeutete; von Zeit zu Zeit pfiff der immer akkurat gekleidete, bisweilen lächelnde Mengele wohl auch eine Opernarie, während er über Leben und Tod seines Gegenübers entschied.


In erster Linie steht der Name Mengele heute jedoch für grausame pseudo-wissenschaftliche Experimente, die Josef Mengele an den Häftlingen durchführte. Menschenversuche waren in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern nichts außergewöhnliches, und auch in Auschwitz war Mengele nicht der einzige, der die ihm hilflos ausgelieferten Häftlinge auf diese Weise mißbrauchte. Das besondere Interesse des ehrgeizigen Anthropologen und Genetikers Mengele galt mit der Zwillingsforschung einem geradezu klassischen Gebiet seiner Disziplinen. Er erkannte und nutzte die Möglichkeiten, die sich ihm in Auschwitz boten, hemmungs- und skrupellos: Hunderte Zwillingspärchen, vor allem Kinder, waren ihm hilflos ausgeliefert. Seiner Forscherphantasie war, anders als früheren, "zivilen" Forschern, keinerlei Grenzen gesetzt. Daneben führte Mengele an vielen anderen Personen weitere pseudowissenschaftlicher Versuche durch, die von medizinisch sinnlosen, ohne Betäubung durchgeführten "Übungsoperationen" bis zur bewußten Infektion seiner Opfer mit tödlich verlaufenden Krankheiten zu Studien- und Vergleichszwecken reichten.



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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und folgt - stark gekürzt - dem biographischen Teil meines Buches:


Sven Keller:

Günzburg und der Fall Josef Mengele.
Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher

(Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 87),
Oldenbourg-Verlag, München 2003, 211. S.
ISBN 3-486-64587-0

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Zuletzt geändert: 01.01.1970




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